Der Einfluss des Stillens auf Essstörungen und Übergewicht

Für eine Mutter ist die gesunde Entwicklung, die Intelligenz, die Selbstständigkeit und die Lebensfreude ihres Kindes das Wichtigste. Wer einmal krank war weiß, wie das Lebensglück von der Gesundheit abhängt. Nicht gestillte Kinder sind nachweislich häufiger krank. Wenn wir unseren Kindern am Anfang ihres Lebens eine gute körperliche Gesundheit verschaffen, ist das der beste Schutz gegen zukünftige Erkrankungen.

Gesundes Essverhalten wird bereits ab Geburt erlernt und vorgelebt, denn die frühkindlichen Erfahrungen der Fütterungsmethoden prägen den Säugling. Idealerweise bestimmen Eltern und Kind gemeinsam darüber, was, wann, wie viel und auf welche Weise Nahrung aufgenommen wird. Die Eigenkontrolle der Nahrungsaufnahme, gesteuert durch das individuelle Hunger- und Sättigungsgefühl, ist ein bedeutender Faktor für das Selbstwertgefühl des Kindes. Und kann je nach Ausprägung positive oder negative Auswirkungen auf das spätere Essverhalten eines Menschen haben.

Das Stillen nach Bedarf stellt die präventiven Möglichkeiten eines gesunden Essverhaltens in seiner ganzen Bandbreite dar. Der Rhythmus einer einzigen Stillmahlzeit ist so facettenreich und unterscheidet sich grundlegend von der Flaschenfütterung. Bei der Muttermilchernährung werden keine industriellen Geschmacksrichtungen vorgeprägt, die die spätere Nahrungsaufnahme beeinflussen könnten.

Im Gegenteil, über die Milch der Mutter macht das gestillte Kind- ganz anders, als das mit Säuglingsnahrung aus der Flasche ernährte Kind – frühzeitig Bekanntschaft mit vielen unterschiedlichen Geschmacksqualitäten. Geschmacksstoffe aus der Nahrung der Mutter sorgen dafür, dass sie nicht stets gleich schmeckt. Es kann spekuliert werden, dass gestillte Kinder damit auf die neuen Geschmacksrichtungen der Beikost vorbereitet werden.

Die Nahrungsaufnahme des Säuglings ist selbstbestimmt und nicht beeinflusst von vorgegeben Normtabellen. Nur beim Stillen kann das Kind z.B. einen optimalen Augenkontakt herstellen und damit während des Essens mit seiner Mutter in Kontakt treten. Mutter und Kind lernen bereits in dieser frühen Lebensphase ihre gegenseitigen Bedürfnisse kennen und übernehmen die Erfahrungen des kindlichen Ernährungsmusters mit ins weitere Leben. Während der Flaschenmahlzeit stört bereits die Haltung des Kindes und das notwendige schnelle Schlucken diesen Augenkontakt empfindlich.

Nach Schätzungen von Experten leiden in Deutschland ca. 1 Million Menschen unter Essstörungen – Bulimie, Magersucht oder Esssucht.

Je länger gestillt wurde, desto seltener kam es später zu Übergewicht. Dieser Effekt hält auch langfristig an, denn z.B. durch den natürlichen Sättigungsmechanismus lernen die Kinder, ihren Appetit zu steuern. Die Ergebnisse vieler Studien legen einen kausalen Zusammenhang zwischen Nicht-Stillen und späterer Adipositas nahe.

„Wir wissen noch wenig darüber, wie Hunger und Sättigung reguliert werden“, betonte Professor Dr. Christian Barth, ehemaliger Direktor des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung in Bergholz-Rehbrücke. „Ernährung ist ein soziokulturelles Phänomen mit tiefenpsychologischen und entwicklungsbiologischen Dimensionen. Menschen sind weniger an Ernährung interessiert als vielmehr am Essen. Ernährungsberatung kann deshalb auch nur Erfolg haben, wenn sie nicht nur bedarfs-, sondern vor allem bedürfnisgerecht ist.“

Eine Frau, die ein Kind geboren hat, hat das Bedürfnis nach einer engen Bindung zu ihrem Kind. Das Kind seinerseits hat ein starkes Bedürfnis mit seiner Mutter zusammen zu sein und Nahrung zu erhalten. Diese gegenseitige Abhängigkeit legt den Grundstein für ein bedürfnisgesteuertes Essverhalten. Die Zusammensetzung und die Menge der Muttermilch sind stets dem augenblicklichen Bedürfnis des Kindes individuell angepasst. Je nach Lebensalter hat der Säugling verschiedene Möglichkeiten Einfluss zu nehmen. Mit zunehmendem Alter wird er aufgrund dieser Erfahrungen entschiedener und eigenständiger Handeln können.

Flaschengebende Eltern, die pflichtbewusst ihren Säugling nach Packungsaufschrift und nach Empfehlung des Kinderarztes ernähren, überfüttern ihr Kind. Der Vorbericht, der von der Weltgesundheitsversammlung im Mai 2003 publiziert wurde, belegt, dass die Babys an einer falschen Norm gemessen werden, die eine zu hohe Gewichtszunahme erwarten lässt. Die Richtlinie von 1991 über Muttermilchersatznahrung hat den Kalorienbedarf der Säuglinge im Alter von 6 bis 12 Monate um 15-17% überschätzt.

Dieser Artikel stammt aus der Archiv (Sonntag, den 03. Mai 2009)

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